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Alltag eines VM - Lehrlings auf dem MS "J.G.Fichte"

 Ich habe wohl schon einmal erwähnt, dass sich unsere Lehrausbildung in Theorie und Praxis unterteilte. Diese wechselte wöchentlich. Wir hatten zwei richtige Klassenräume jeweils Backbord und Steuerbord. Natürlich gehörten auch richtige Lehrer dazu, die an Bord Ausbildungsoffiziere hießen.Gewöhnungsbedürftig war für uns zuerst, dass wir als Lehrlinge mit "Genosse" angesprochen wurden. Wir wurden in den folgenden Fächern theoretisch auf den Ernst des Lebens, sprich als Vollmatrose auf einem "Produktionsschiff" zur See zu fahren ausgebildet. In folgenden Fächern wurden wir theoretisch auf diese abenteuerliche Zeit vorbereitet: Deutsch, Englisch, Russisch, Fachkunde, Verkehrsgeographie, Werkstoffkunde, Gesundheitslehre, Staatsbürgerkunde, Biologie, Betriebsökonomie. Mathematik, desweiteren Ausbildung zum Rettungsbootsmann und und zum Feuerschutzmann. Sollte ich ein Fach vergessen haben, seht es mir bitte nach, denn mein Zeugnisheft ist leider ein Scheidungsopfer geworden.

Unter den Ausbildungsoffizieren gab es auch 2 Damen, eine für Deutsch und eine für Englisch, die später auch in Wustrow Englisch lehrte. Wenn ihr meine vorherigen Artikel gelesen habt, ist Euch sicher nicht entgangen, dass ich zur Seefahrt gekommen bin wie die Nonne zum Kind. Kurz gesagt, ich hatte damals einfach keinen Bock auf diesen Beruf und war frustriert, dass man mich nicht hatte Musik studieren lassen. So habe ich mich dann auch verhalten, zumindest im theoretischen Unterricht. Gleichwohl haben wir in kurzer Zeit eine Lehrlingskapelle gebildet und einer unserer Ausbildungsoffiziere stellte aus der gesamten Lehrlingschaft einen Chor zusammen. Das söhnte mich etwas aus, ließ aber meine theoretischen Leistungen nicht steigen. In unserer Frerizeit musizierten wir also mit Klavier, welches in der O-Messe stand, Klarinette, Trompete und ich am Schlagzeug. So verbrachte ich zum großen Teil meine Freizeit.Aber Freizeit war ja nur der eine Teil des Tagesablaufes.

So verging Woche um Woche und ich schlug mich eher schlecht wie recht durch den Lehrlingsalltag. Insgesamt machte ich mit der "Fichte" 7 Reisen von Rostock nach Cuba. Die erste Reise ging langsam ihrem Ende zu und die erste Heimfahrt stand an. Ich hatte in der letzten Praxiswoche dieser Reise 0-4 Seewache. Ich habe bei meinem ersten Rudergängertörn Blut und Wasser geschwitzt sag ich Euch. Da kamen denn schon mal Bemerkungen wie: "Na Seemann, schreibst Du wieder Deinen Namen in die See?" Dann wäre ich am liebsten im Erdboden bzw. unter Deck versunken. Wie wahrscheinlich viele jungen Leute meines damaligen war ich sehr schüchtern und ganz besonderen Respekt hatte ich vor den Genossen mit den goldenen Ärmelstreifen. Oh dachte ich immer, die wirst Du nie bekommen, allerdings war mein Ehrgeiz diesbezüglich überschaubar. Ich hatte ja das Musikstudium noch nicht aus dem Kopf.Also erst mal hier, sprich Lehrzeit, durch und dann sehen wir weiter. Meine schulischen Leistungen gegenüber der praktischen Arbeit wurden immer schlechter und ich immer unzufriedener.So stellte sich mir die Frage immer öfter; bist Du hier richtig Joachim?

Lehrmatrose und Ausbildungsbrigade

Unsere Englisch Lehrerin hatte mich wohl besonders ins Herz geschlossen. Sie machte mir einmal vor der gesamten Klasse eine Ansage folgenden Inhalts: Gen. Krull, es ist ja nicht so das Sie dumm sind, Sie sind nur entsetzlich faul" Das hatte gesessen, aber sie hatte recht. So kam es, dass ich ich bei der Auswertung des Berufswettbewerbes am Ende des letzten Lehrjahres an der Wandtafel lesen konnte, dass ich zu den 10 schlechtesten Lehrlingen gehörte. Das kam schon fast einem knock out gleich. Nein, so weit durfte ich es nicht kommen lassen. dass ich das Ziel der Ausbildung nicht erreichte. Auch wenn es mir immer noch keinen Spaß machte so krempelte ich doch die Ärmel hoch, so weit es bei einem kurzärmligen Khakihemd ging und tat auch was für den theoretischen Teil der Ausbildung. Immer noch vor Augen mit Ende der Lehrzeit ist hier Schluß.

Nun gab es ja Gott sei Dank nicht nur Theorie sondern auch die Praxis. Seemännische Handarbeiten bereiteten mir keine Probleme, da ich diesbezäglich schon vorgebildet war. Am meisten habe ich es gehasst Farbe zu waschen und Rost zu klopfen, noch so richtig mit Hammer und Roststecher. Aber damit war ich wohl auch nicht alleine. Der Gipfel war aber aus meiner Sicht, das es aber auch zur Zwischenprüfung ein Farbewaschen nach Zensur gab. Ich bekam nun Stück zugewiesn, ich meine es wäre an den Aufbauten zwischen den beiden Niedergängen die u.a. zu Luk 1 führten. Na egal, jedenfalls war ich soweit fertig mit Pütz, Bürste, und Feudel bewaffnet, den Lehroberbootsmann, meinen Lehrmatrosen und noch ein dritter, an den ich mich nicht mehr erinnere, im Rücken und begann nun unter den kritischen Augen der erfahrenen Seeleute, die mir zugewiesene Stelle vom Dreck zu befreien und zu entrosten. Das ging mir so gegen den Strich für das Farbewaschen, dessen Notwendigkeit unbestritten ist, eine Zwischenprüfungszensur für ein ganzes Lehrjahr zu bekommen. Es wurde dann natürlich auch mit einer 4 belohnt. Denkt bitte nicht ich wäre arrogant, denn ich achte wirklich jede Arbeit, aber das war mir zu viel, übrigens bis heute hin hat sich daran nichts geändert. Eins stand jedenfalls fest, ein Lehrabbruch kam nicht in Frage, das konnte ich meinem Vater nicht antun, in dessen Gedanken Von da an ging es aber auch wieder mit meinen theoretischen Leistungen bergauf.

Das 2. Lehrjahr:

Das 2. Lehrjahr verlief eigentlich ohne weitere Komplikationen. Anfang des Jahres 1965 ging die "Fichte" in die Werft nach Göteborg und wir Lehrlinge und natürlich auch die Ausbildungsoffiziere, zogen nach Glowe auf Rügen in ein Ferienlager der Gewerkschaft "Für Unterricht und Erziehung", wie passend, um dort unsere Ausbildung abzuschließen. Es war keine schlechte Zeit dor, zumal ich ja nur 14 Kilometer von meinem Heimatort Sassnitz entfernt war. Das war schon eine Nummer, Glowe war ja damals noch ein richtiges Fischerdorf mit nicht allzuvielen Einwohnen, (imGegensatz zu heute) und nun fielen im Winter, denn es waren auch keine sonnenhungrigen Urlauber im Ort, ca. 180 angehende Seeleute umit den dazu gehörigen Ausbildern über dieses idyllische Dörfchen her. Welch eine Sensation.Am meisten freuten sich aber wohl die Wirte und die Kellnerinnen über diese wilkommene Abwechslung in der ansonsten sogenannten "sauren Gurkenzeit".

Ein Highlight unserer praktischen Ausbildung war das Kutter rudern. In Sassnitz war ja noch die Volksmarine stationiert und von dort bekamen wir einen oder 2, ich weiß es nicht mehr ganz genau, K 10 geliehen, Also Winteruniform anziehen, antreten wie es sich für Uniformierte gehört und nein, nicht zum Bus gehen und bequem nach Sassnitz zu fahren, nein, im Marschierschritt die 14 km absolvieren, ca 1 St, Kutter pullen und dann voller Tatendrang wieder zurück nach Glowe. Es ereignete sich noch dieses und jenes und endlich war es so weit, dass wir unsere Abschlußprüfung machten mußten, die ich dann auch ordentlich bestand.

Lehrabschluss 1965

 Zur damaligen Zeit wurden viele Schiffe in Dienst gestellt und demzufolge benötigte man auch entsprechende Besatzungen. So konnte ich dann ab Mai1965 meine Tätigkeit als VM der DSR aufnehmen, Ich heuerte im Mai 1965 auf dem GTMS "Fritz Heckert" als Vollmatrose an, nach dem ich vorher noch eine kurze Werftvertretung auf der "Erfurt" und auf der "Freiligrath" absolviert hatte. Noch fix ein Foto gemacht und dann an Bord zur Anmusterung. Ich war gespannt wie ein Flitzbogen, was mich dort erwartete......

Danke an Joachim Krull !

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