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Lehrausbildung auf "J. G. Fichte" 1963-1965

Matrosenlehrling Joachim Krull 1963

 Ungewohnt aber mächtig stolz standen wir mit unseren neuen, schneeweißen Kieler Blusen und den Bändermützen an Deck und genossen den Anblick der uns von der Warnemünder Mole aus zuwinkenden Urlauber und Warnemünder Einwohner. Es wäre sicher interessant zu erfahren, was in jenen 16 jährigen Matrosenlehrlingen in diesem Moment vorging, was sie dachten, was sie fühlten usw. aber wir werden es nicht herausfinden und so bleibe ich dann auch bei meinen eigenen Gedanken.

Nach der Lotsenabgabe entschwand der Warnemünder Leuchtturm so langsam unseren Blicken und die Seereise konnte beginnen. Es begann bereits zu dämmern und eine leiche Brise ließ unsere Mützenbänder lustig im Winde flattern als das Kommando zum wegtreten kam. Jeder hing noch etwas seinen Gedanken nach, als der LvD (Lehrling vom Dienst) mittels Trillerpfeife die Backschafter zum raustreten aufforderte. An jeder Back saßen 12 Lehrlinge und dafür war ein Backschafter für das aufbacken und servieren sowie auch für das abbacken und die Reinigung der Back verantwortlich. Der geneigte Leser bemerkt bereits, dass es an Bord andere Ausdrücke und Bezeichnungen gibt wie an Land und jeder der neuen Matrosenlehrlinge war gut beraten, sich diese seemännische Fachsprache schnell anzueignen. Hier hatten wohl die Jungen, die von der Küste kamen, einige Vorteile gegenüber der weit größeren Anzahl von Thüringern und Sachsen.Neben Matrosenlehrlingen wurden auch nautische Offiziere und Funkoffiziere im Praktikum ausgebildet.

Die erste Reise:

Wir haben also den Rostocker Überseehafen verlassen und der Warnemünder Leuchtturm war schon längst unseren Blicken entschwunden. Nach dem abendlichen Backen und Banken hing jeder der neu eingestellten Matrosenlehrlinge wohl noch seinen eigenen Gedanken nach, die in Richtung Heimat zu den Eltern oder auch schon bei einigen zu den Freundinnen gingen. Pünktlich um 22:00 Uhr verkündete der LvD: "Ruhe im Schiff, Licht aus". In der Nacht ging plötzlich ein Ruck durch das Schiff. Wir waren vor Korsör auf Grund gelaufen. Das Schiff lag hoch und trocken wie die Seeleute sagen aber es gab keinen Gefahrenmoment, da es weder Schlagseite noch Wassereinbruch gab. Wohl aber für die meisten schon mal einen kräftigen Schreck. Da fast alle Seeleute auch abergläubisch sind, stand unsere 1. Reise also unter keinem guten Stern. Tagsüber wurden die verschiedensten Manöver versucht, mit und ohne Schlepper, von denen wir Neuankömmlinge ohnehin keine Ahnung hatten. Nach einigen Stunden hat der herbeigeeilte Schlepper es nicht geschafft, uns wieder ins freie Wasser zu ziehen. Unser Kapitän schaffte es schließlich mit gekonnten Manövern das Schiff wieder flott zu bekommen .Nach einer gründlichen Tauchuntersuchung konnten wir Stunden später unsere Reise fortsetzen. Das Schiff hatte keinen Schaden genommen.

So ging es also bei gutem Wetter in Richtung Skagerak weiter durch die Nordsee, den Ärmelkanal, in die wohl von allen Seeleuten gefürchtete Biskaya und dann in den Atlantischen Ozean mit Kurs zunächst auf die Azoren. Südwestlich der Azoren bekamen wir dann die Härten der Seefahrt life zu spüren. Der Hurrikan "Flora" bewegte sich auf uns zu und schüttelte uns einige Tage aber so etwas von durch. Ich weiß nicht mehr die genaue Wellenhöhe aber es müssen so ca 12 m gewesen sein. Die Lehrlingsmesse war einige Zeit relativ leer und ruhig. An Deck hatten wir bei dem Wetter, außer der Brückenwache, nichts zu suchen und so übten wir uns im Reinschiff. Es grenzte streckenweise schon an artistische Balanceleistung,wie wir uns durch das Schiff hangelten. Beim feudeln der langen Betriebsgänge rutschten wir dann in einem höllischen Tempo unseren Pützen auf allen Vieren hinterher, allerdings ohne sie noch heil zu erreichen. Diese Reise werde ich mein Lebtag nicht vergessen. Neben vielen von Seekrankheit heimgesuchten Lehrlingen, hatten wir 2 Kameraden an Bord, denen die Seekrankheit so zugesetzt hatte, dass sie ins Hospital eingeliefert werden mußten und dort an den Kojen zu ihrer eigenen Sicherheit fixiert wurden. Für diese beiden Lehrlinge warf die Ausbildung bei der Handelsflotte bei unserer Rückkehr nach Rostock beendet.

 

 

 

Zur Ausbildung:

Spleißen

 Inzwischen waren die Ereignisse von Korsör in den Hintergrund gerückt und auch Flora hatte sich wieder beruhigt, so das der Ausbildungsalltag wieder unseren Tagesablauf bestimmte.. Die Lehrlinge eines jeden Ausbildungsjahres waren in Klassen und Brigaden aufgeteilt. Es gab also Lehrlinge im 1. Lehrjahr, Lehrlinge im 2. Lehrjahr und eine Klasse mit Abiturienten, die nur 1,5 Jahre Ausbildung hatten, während wir 10 Klassenschulabgänger 2 Jahre Ausbildung absolvieren mussten. Die Einteilung nach Klassen galt für den theoretischen und die Einteilung in Brigaden für den Berufspraktischen Unterricht. Wir hatten also richtige Klassenräume mit richtigen Lehrern, die sich allerdings Ausbildungsoffiziere nannten. Die Klassenräume waren Backbord und Steuerbord je an den Aussenseiten eingerichtet worden, so dass wir immer schön aus den Bulleys schauen konnten.

Im berufspraktischen Unterricht gab es ja die Einteilung in Brigaden, die im Regelfall aus 4 Lehrlingen und einem Lehrmatrosen, wie es damals noch hieß, bestanden. Diese wiederum waren dem Lehroberbootsmann unterstellt. In unserem Fall ein älterer Herr, der sich seine Seebeine noch auf Segelschiffen der Vorkriegszeit geholt hat und ein hervorragender und von allen in der Flotte geachteter Seemann war. Der Brigade der ich angehörte bestand aus einem Dresdner, einem Thüringer einem Mecklenburger und einem Vorpommern, nämlich ich. Diese genannten Brigademitglieder bewohnten auch gemeinsam eine Kammer im Vorschiff Steuerbordseite. Unser Lehrmatrose war ein gemütlicher, beleibter Seeman, von dem wir sehr viel lernen konnten und es auch getan haben. Er hat sich uns Lehrlingen gegenüber stets korrekt verhalten, was man nicht von allen Stammbesatzungsmitgliedern behaupten konnte. An dieser Stelle will ich einmal versuchen, den Alltag eines Lehrlings an Bord des MS "J.G. Fichte" nachzuerzählen. Bei so einer großen Anzahl von Lehrlingen, das waren zu meiner Zeit ca. 180, musste schon eine sehr grosse Ordnung und Disziplin herrschen. Für den organisierten Tagesablauf sorgten der AOvD (Ausbildungsoffizier vom Dienst) und der LvD (Lehrling vom Dienst. Der Tag begann also stets mit der Weckzeremonie. Das Wecken begann 10 Minuten vor der festgelegten Weckzeit. Das bedeutete, dass der LvD mit seiner Trillerpfeife halblaut ausrief: "Seemann mach die Socken klar, die letzten 100 Meter sind da!" Die gleiche Zeremonie folgte 5 Minuten später mit der Trillerpfeife und dem bereits etwas lauteren Ruf: "Seemann mach die Socken klar, die letzten 50 Meter sind da!" Exakt um 7.00 Uhr gellte der Pfiff und der Ruf des LvD durch die Gänge: "Reise, Reise nach alter Seemannsweise, ein jeder weckt den Nebenmann, der letzte stößt sich selber an, "Seemann sto up!" Das war das Signal für den AOvD die Kammerschotten aufzureißen und zu kontrollieren, ob auch alle angehenden Seeleute, denn noch waren wir ja keine richtigen, aus ihren Kojen kamen. Selbstverständlich versahen der AOvD und der LvD ihren Dienst in entsprechender Uniform. Je nach Jahreszeit in Blau, Weiß oder Khaki.

Ein pulsierendes Treiben setzte nun unter Deck ein, denn bereits 10 Minuten nach dem Wecken trat der LvD wieder in Aktion mit dem Pfiff und dem Ruf:"Backschafter" (Tischdienst) raustreten. Die Backschafter hatten grundsätzlich das Bordpäckchen weiß anzuziehen, mussten die Back (Tisch) für 12 Lehrlinge eindecken, das Essen servieren, danach wieder abräumen und die Back für den 2. Durchgang reinigen. Zum essen selber blieb dem Backschafter recht wenig Zeit. Da hatten so Schnellesser wie ich so ihre Vorteile, obleich es in der Tat nicht sehr gesund ist. 07:50 Uhr hatte der LvD dann noch einmal seinen Auftritt in dem er seine Trillerpfeife und seine Stimme ertönen ließ mit dem Ruf: "Raustreten zum Dienst". Zum Mittagessen, und zum Abendessen erfolgten die gleichen Aktivitäten durch den LvD wie zum Frühstück. Nachdem er dann auch noch um 22:00 Uhr die Nachtruhe ausgerufen hatte, war auch sein Tagwerk getan Das hieß ja, wie inzwischen bekannt sein dürfte, für den einen Teil der Lehrlinge in die Klassenräume einrücken und der andere Teil befand sich an Deck bei einem Arbeitsappell, der durch den Lehroberbootsamnn durchgeführt wurde. Danach übernahm jeder Lehrbootsmann seine Brigade, um sie in die Geheimnisse seemännischer Arbeiten einzuweihen. Ja, es ging schon alles relativ militärisch zu aber es war aus heutiger Sicht eine gute Schule auch wenn ich nach dem 1. Lehrjahr kündigen wollte, aber das ist eine gesonderte Geschichte. Es ist ja auch kein Geheimnis, dass Die Deutsche Seereederei neben der Deutschen Reichsbahn und der Interflug halbmilitärische Betriebe waren.

Inzwischen waren nun schon einige Tage nach Verlassen unseres Heimathafens vergangen und wir hatten den Atlantik unter unserem Kiel mit Kurs Havanna. Havanna, wie das klang! Ehrlich gesagt hatte ich keine Vorstellung davon außer dass es sehr warm sein sollte, Fidel Castro dort die Macht hatte und dass einige Monate vorher der Überfall in der "Schweinebucht" stattfand. Ich wusste, dass Kuba ein sozialistisches Land werden sollte und wir, die DDR, sowie weitere sozialistische Länder, ihnen dabei behilflich waren. Meines Wissens hatten wir damals landwirtschaftliche Maschinen an Bord und wir sollten Zucker als Rückladung erhalten. Unsere Reise verlief ruhig, an Bord wußte jeder was er zu tun hatte und die neuen Lehrlinge machten sich so allmählich einander bekannt.

Dank an Joachim Krull !


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