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Revierfahrt auf dem Niger

Unser Ziel-Sapele

Unser  Schiff  fährt  stromaufwärts  und  zu   beiden Seiten  erstreckt  sich  undurchdringlicher  Dschungel. Unbekannte  Vogelstimmen  und  andere  Tierlaute  sind  dabei  eine  ungewohnte  Geräuschkulisse. Reiher  und  andere  Wasservögel  bevölkern  den  Uferrand. Hohe  Temperaturen  und  Luftfeuchtigkeit  erinnern  an  Saunabedingungen.

Modriger  Geruch  von  Schlamm, faulendem  Holz  und  absterbenden  Blüten. Dazwischen  zieht  ab  und  an  mal  eine  brandig  riechende  Wolke  vom  Rauch der  zahlreichen  Feuerstellen  im  Busch  zu  uns  herüber.

In  der  starken  Strömumg  des  Flusses  treiben  losgerissene  Inseln  aus  Grasröhrich  vorbei. Mangrovenwälder, dazwischen  Palmen  und  das  undurchdringliche  Dickicht  des  Drachenbaumes  begleiten  uns  bis  Sapele. Fischer  in  Kanus, umgeben  von  Moskitoschwärmen, gehen  ihrem  lebensnotwendigen  Tagewerk  nach. Sie  halten  dabei  immer  Ausschau, daß  sie  nicht  von  einem  der  gefährlich  schnell  vorbeitreibenden  Sapele-Mahagonibaumstämme  gerammt  werden.

Hibiskus

Inmitten  dieser  urwüchsigen  Natur  tauchen  immer  wieder  ärmliche  Palmhütten  auf, von  denen  aus  uns  auf  dem  vorbeifahrenden  Schiff  lachende  Menschen  zuwinken. Für  uns  eher  befremdlich, denn  bei  den  harten Bedingungen  eine  Lebensnische  der  unwirtlichen  Natur  abzuringen, hätte  uns wohl  das  Lachen  eher  vergehen  lassen.

Trotz  aller  Kriminalität, die  wir  in  Westafrika  schon  damals  bedingt  durch  Armut  erlebten, haben  wir  die  Afrikaner  als  lebensfrohe  und  kontaktfreudige  Menschen  kennengelernt.

Diese  Aussage  treffe  ich, obwohl  gerade  wir  Seeleute  häufig  Opfer  von  Diebstahl  in  diesem  Fahrtgebiet  wurden. So  manche  Festmacherleine  verschwand  auf  Nimmerwiedersehen, so  manche  Ladung  wurde  beraubt  bzw.  Kammer  geknackt. Später  waren  manche  Häfen  "no-go-Area" (Lagos z.b.).

 

Sapele in Sicht
Händler kamen längsseits...

 

                             Anthony oder Anton ?

Eine  Episode  fällt  mir  zu  Sapele  noch  ein.

In  bestimmten  Fahrtgebieten  war  es  damals  üblich, dass  bestimmte  Personen  des  Gastlandes  bordseitig  mit  verpflegt  wurden. Das  konnten  Lotsen  sein, Ladungsbegleiter (Supervisor), Wachleute  oder  Vorarbeiter  (Lukenviez z.b.)  in  den  Häfen. Diese  bekamen  landestypisches  Essen, der  Suez-Lotse z.b. kein  Schweinefleisch, Reis  für  Inder/Pakistanis  oder  Bohnengerichte  in  Südamerika  usw.

Für  die  Vorarbeiter  aus  den  Luken hatten  wir  eigens  auf  der  "Altmark"  für  diesen  Zweck  eine  wettergeschützte  Back(Tisch)  auf  der  Achtern-Manöverstation  installiert. Dies  war  unter  anderem  auch  der  meist  verschmutzten  Arbeitskleidung  geschuldet, mit  der  man  nicht  in  die   saubere Messe  gehörte. Diese  Back  wurde  auch  bordseitig  genutzt.

Chiefmate  an  Steward:

"Da kommen ab heute 5 Lukenvieze zum Essen.Der Vorarbeiter heißt Anthony.Der meldet sich dann bei Dir."

Während des Ladeschehens am Vorschiffs taucht achtern am Vormittag ein besonders dunkelhäutiger Arbeiter auf und versucht beim Wachsmatrosen an der Gangway Bier zu tschinschen.

Gangwayposten an Steward:

"Hast Du Bier für Anthoney?"

Steward und meine Person nähern sich der Gesprächsrunde.

Steward auf englisch:  "Du bist Anthoney?"

Antwort in gebrochenem deutsch mit deutlich norddeutschen Slang:

"Ich heiße und bin Anton."

Verdutzte  Gegenfrage  von  uns:

"Wo  hast  Du  die deutsche  Sprache  erlernt?"

Es  war  seinerzeit  schon  seltsam,  mitten  im  Dschungel  Afrikas  auf  einen deutsch  sprechenden  Einheimischen  zu  treffen.

"Joo,  ich  habe  zwei  Reisen  an  Deck  auf einem Hamburger Frachter gearbeitet. Seitdem  bin  ich  Anton."

Wir:

"Prima  Anton, dann  geht  ja  alles  seinen  Gang. Heute  Mittag  können  Deine Leute  hier  achtern  ihre  Mahlzeit  einnehmen."

Anton  besichtigt  die  Gegebenheiten  und  trinkt  genüsslich  ein von uns gesponsortes  Bier. Eventuell  kann  er  uns  im  Gegenzug  ein  paar  Tipps  zu Sapele  vermitteln, denken  wir. Anton  verschwindet  wieder  an  Deck.

Mittagszeit:

Auf  dem  Achterdeck  finden  sich  4 afrikanische  Vorarbeiter  an  der  gedeckten  Back  ein  und  bekommen  ihr  reichhaltiges, landestypische  Essen und  ausreichend  Getränke  dazu. Normal, wie  sonst  in  anderen  Häfen  auch.

Plötzlich  höre  ich  von  der  Offiziersmesse  her  laute  Stimmen, darunter  laut  vernehmlich  die Stimme  des  Stewards. Der  Steward  versucht  gerade  Anton den  Zugang  zur  Offiziersmesse  zu  verweigern. Ich  komme  ihm  zur  Hilfe.

"Anton, für  Dich  ist  bei  Deinen  Kollegen  alles  mit  vorbereitet. Du  kannst nicht  in  die  Messe, in  Arbeitsklamotten  schon  garnicht. Du  musst  achtern mit  essen."

Antons  Gesichtszüge  entgleisen  förmlich,die  Augen leuchtend in  seinem  dunklen Gesicht  weit aufgerissen, schaut  er  mich  entsetzt  an.

Dann  die  Antwort:

"Du  glaubst  doch  nicht im Ernst,dass ich mich achtern zu den "Kohlensäcken" setze."

Gemeint  waren  damit  seine  dunkelhäutigen  Kollegen. Diese  Antwort  musste ich  erstmal  verdauen.

Freunde  wurden  wir  nicht  mehr. Als  ich  mich  von  seinen  Kollegen, die täglich  bei  uns  Essensgäste  waren,vor  dem  Auslaufen  verabschiedete, sagte  jeder  stolz  auf  seine  von  Anton  erworbenen  Deutschkenntnisse  mit dem  Brustton  der  Überzeugung  und  freudig  leuchtenden  Augen:

"Ich  bin  einer  schwarzer  Kohlensack!"

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 Diese Seite wurde mit Fotos von Anett Zimmermann unterstützt,Danke!

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