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Tschinschen in Westafrika

1972 Dakar/Senegal - Mitbringsel für Hein Seemann

Es ist schon erstaunlich, was man als Fahrensmann, der ab den 60/70er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Weltmeere befuhr, im Laufe der Zeit so alles mitgebracht hat. Ein Rundblick in den eigenen vier Wänden bestätigt das. Hier eine afrikanische Holzfigur, dort eine Tanzmaske aus Bali, Alexteller, indische Elefantengruppen, Schrumpfkopf, japanisches Teeservice, Schildkrötenpanzer und mittelamerikanische Obsidiankunst........

Man erinnert sich wieder an den Begriff "tschinschen", die Verballhornung zu dem engl. Begriff change. Aus einem Kulturkreis mit vorgegebenen Festpreisen kommend, lernte man als Seemann das Feilschen und Handeln um eine Ware in den verschiedensten Hafenstädten der Welt. Dieses "tschinschen" war für mich eine Abwechslung im Bordalltag oder ein persönliches Erfolgserlebnis bei einem aus meiner Sicht erzielten günstigen Preis. Die durch "tschinschen" erworbenen Mitbringsel haben für mich einen anderen ideellen Wert als an irgendeinem Urlaubsort gekaufte Souvenirs. Eine Holzmaske,bei dessen Entstehung man beim Schnitzen im Urwald zusah oder die Erinnerung an den Händler, mit dem man über Tage feilschte und letztendlich erfolgreich war, sind noch gegenwärtig. Manchmal werde ich gefragt, war dieses oder jenes nicht teuer? Kann ich immer noch prompt beantworten und klingt dann so: "Nein, kostete ein DSR-Khakihemd, 4 Schachteln Club,zwei Hafenbräu. Oder, 3 Dollar, 2 Stück Seife, 1 Ruhla-Taschenuhr und ein leerer 10ltr. Plastikkanister vom Geschirrspülmittel."

Souvenirs,Souvenirs

Tschinschen an der Gangway - rund um die Uhr während der tagelangen Liegezeit
Das volle Sortiment-alle Bilder zum anklicken!
Bereits beim Einlaufen an der Pier

Wer damals West-oder Ostafrika fuhr hat sich auf dieses zu erwartende "tschinschen" schon zu Reisebeginn eingestellt. So wurden z.b. während der Reise alle Schraubgläser, Plastikbehälter, verschließbare Dosen etc. als spätere Tauschware gesammelt. Dinge, die seinerzeit sonst über die Kante den Außenbordskameraden gespendet wurden, waren plötzlich rar an Bord. Der Bereich Maschine sondierte seine neue Anlieferung Putzlappenballen und entdeckte dabei noch so manches fesches Kleidchen und Miederwaren die später erstauntes Entzücken bei Afrikas Damenwelt hervorriefen. Weitere Pluspunkte sammelte man beim "tschinschen" in diesem Fahrtgebiet, wenn man in Rotterdam/Amsterdam sich beim Botlek-Store mit den damals sehr begehrten Damenperücken unterschiedlichster Färbungen eindeckte. Diese kosteten so um die 6-8 niederländische Gulden und waren sehr begehrt.Gewinnbringender Verkauf. Das wurde auch von DSR-Seeleuten praktiziert  wenn man sich ein paar Bier verkniff. Ein Heineken oder Amstel Bier in den Kneipen am Hafentor kostete damals niederländische 85-95 Cent. Ansonsten ist das hier von mir Beschriebene damals auch auf Schiffen anderer Nationen in der Afrikafahrt so gehandhabt worden.

Sporadisch kamen fliegende Händler dazu
Intensiver Handel

Diese Ruhla-Taschenuhr wurde damals häufig von DSR-Seeleuten benutzt um die chronisch klamme Devisensituation aufzubessern. Offiziell war das Schmuggel und verboten. In der Afrikafahrt (nicht nur hier) fand diese Uhr viele Abnehmer und verbesserte die Kaufkraft bzw. die "Tschinsch-Situation" der DSR-Seeleute. Es soll vorgekommen sein, dass diese Uhren in den Hafenstädten Rostock und Wismar mitunter ausverkauft waren. Findige Fahrensleute beauftragten dann Verwandte oder Kollegen die im Urlaub waren diese im Umland bzw. Heimatort zu besorgen.

Die grüne Mütze ist noch vorhanden......

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