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Im Bauch des Schiffes

Maschine "Altmark"

Das  Maschinenhaus  der  "Altmark"  befand  sich  im  Bauch  des  Achterschiffes. Das  Herz  des  Schiffes, war  das  Reich  des  Chiefs, dem  leitenden  technischen  Offizier, der  gemeinsam  mit  anderen  Ings., Maschinenassistenten, Motorenwärtern, dem  E-Mix  und  Storekeeper  nur  das  eine  Ziel  hatten: Die  Schraube  muss  sich  immer  achtern  drehen  und  die  lebensnotwendigen  Versorgungssysteme (Strom z.B) an  Bord  störungsfrei  funktionieren, letztendlich  hing  die  Schiffssicherheit  davon  ab.
Hier  im "Schiffskeller" war  nichts  zu  spüren  vom  Fahrtwind  an  Deck  oder  dem  Rauschen  des  vorbeiziehenden  Ozeans. Ölgeschwängerte  Luft  schlug  einem  entgegen, bei  einem  ohrenbetäubenden  Stakkato  der  Dieselmotoren. Dieser  Höllenlärm  war  dann  kombiniert  mit  Temperaturen  von  mindestens  +50  Grad  plus  und  erschwerte  das  Atmen. Schwarzverschmierte  Gesichter  starrten  dem  seltenen  Besucher  der  Maschine  meist   entgegen  und  brüllten, dem  die  Lautstärke  ungewohnten  Ohr, irgendwelche  unverständliche  Fetzen  entgegen. Wenn  man das  bei  etwas  stärkeren  Seegang  erlebte, wie  sich  dann  noch  die  "Maschinesen",mit  Schweißtuch  um  den  Kopf  und  Putzlappen  in  der  Hand  mit  gekonnten  Balancakten  in  der  Maschine   fortbewegten, kam  einem  schon  so  ein  Gedanke  vom  Vorhof  der  Hölle....
Ein  verdammt  harter  Job, den  man  durch  ein  Drei- Wachensystem, also  4h  Dienst  und  8h  Ruhe, versuchte  etwas  zu  entschärfen  um  dem   Raubbau  am  Körper  so  entgegenzuwirken. Na  ja, wie man  sich  8h  Ruhe  an  Bord, bei  Seegang  und  Tropen  auf  einem unklimatisierten,aufgeheiztem Alttonnageschiff  vorstellen  muss. Hut  ab,  vor  solchen  Seeleuten !

Bei der Arbeit

Kolben ziehen.....

Das  Kolbenziehen  zu  jener  Zeit, war  eine   in  Intervallen  von  ca.  4000  Betriebsstunden  vorzunehmende  Wartungsarbeit, die  von  der  Maschinengang,  meist  geplant, im  Hafen  durchgeführt  wurde.Schlimm kam es aber dann schon,wenn man auf See einen "Kolbenfresser" hatte.Der  Feind  der  Maschine  hat  zugeschlagen! Der  Schiffskörper  fängt  unmerklich  an  zu  vibrieren, dann  zu zittern. Passiert  es  nachts,  bekommt  man  das  noch  nicht  mit. Aber  dann: Als  wenn  einer  mit  einem  Riesenhammer  gegen  die  Bordwand  hämmert. Das  tagelang  monotone  Geräusch  der  Maschine  verändert  sich schlagartig  und  verstummt  dann  ganz. Telefone  schrillen, hastende Menschen  mit  klatschenden  Sandalen  rennen durch  die  Gänge  unter  Zurufen  Richtung  Maschine. Der  Rest  der  Besatzung  ist  wach  und  auf  neueste  Informationen  gespannt. Das  Schiff  legt  sich  dann anders  in  die  See, die  Fahrt  geht  runter, die  Dünung  oder  die  Wellen  können  dem  Schiff  jetzt  etwas  mehr  anhaben. Das  Schiff  rollt...Eine  eigenartige  Ruhe  an  Bord.
Viel  später  erfährt  man  Näheres. Sekunden  vorher  strömte  wohl  schon  etwas  zuviel Abgas  aus  dem Zylinder. Der Wettlauf  mit der  Zeit  zum  Fahrstand, um  die  Maschine  auszukuppeln  ging  für  Wach- Ing.  und Wachassi.  verloren. Das gefürchtete  Klopfen  kam  vorher.

Kampf gegen die Zeit

Auf  der  Brücke  ist  indessen  auch  ein  geschäftiges  Treiben  ausgebrochen. Kapitän, Nautiker  und  Funker  warten  auf  den  aktuellen  Situationsbericht  aus  der  Maschine. Schiffssicherheit  voran, Versatz  des  Schiffes, ist  Küste, sind  Klippen  oder  Untiefen  in  der  Nähe. Schlepper?
Gedanken  macht man  sich  natürlich  auch  aus  verkehrsökonomischen  Gründen, wieviel  Zeit  verliert  man, erreicht  man  pünktlich  den  nächsten  Lade/Löschhafen, erreicht  man  zum  angemeldeten  Termin  den  Konvoi  zur  Suezkanal-  Passage?
Die   Maschinengang   muss   es  richten, erst  wenn  die Schraube wieder  dreht, kann man  wieder  normal  planen  und  ist  ein  voll  handlungsfähiges  Seeschiff/Besatzung. Jeder  Tag, der  verloren  geht,  sind  Zehntausende von  Mark, die  verlustig gehen, Imageschäden  für  die  Reederei  inbegriffen,  wegen Nachrede  über  den  technischen Zustand des Schiffs  eventuell.

In der Maschine...

Ein  Rennen  gegen  die  Zeit  beginnt. Alles  erfahrene  Leute  mit  einschlägigen  Kenntnissen. Lageeinschätzung  vom  Chief: "Buchse  hält  noch  eine  Weile, Kolben  muß  ausgewechselt  werden- gerissen." Die  Maschinengang  arbeitet  bis  zur  Erschöpfung, zwei  Leute  von  Deck  wurden noch  zur  Unterstützung  abgestellt, den  Kolben  mit  Flaschenzügen  aus  der  Buchse  bei  Seegang ziehen  ist  sehr  heikel. Einer  steigt  dann, in  die  noch  heiße  Buchse  und  beginnt, in  verkrampfter  Haltung  auf  dem  Kurbellager  stehend, die  Arme  angelegt, mit  dem  Ausschleifen  der  Innenwände. Andere  wiederum  bugsieren bei  engen  Verhältnissen, den  neu  einzusetzenden  Kolben  heran. Die  Ringe  müssen  passgenau  vermessen  werden.
Übermüdete  Seeleute, wortlos   eingespielt   arbeitend,  ab  und zu  durch  eine kurze   Anweisung  unterbrochen. 6  Stunden, 10  Stunden  und  länger.... Blasse, fahle  Gesichter  bei  den  Maschinenleuten, sonnengebräunte  Gesichter  bei   den   Decksleuten, ölig- verschmiert,  aber  alle   von   Anstrengung   gekennzeichnet,  schweißverschmierte  Leiber  mit  hellen  Rinnsalen   auf  den   schmutzverkrusteten   Körpern. Es  ist  wie  unter  Tage, im  Bergwerk.
Ab  und  zu  taucht  der  Kapitän  in  der  Maschine auf, bespricht  mit  dem  Chief  den  aktuellen  Stand  der  Arbeiten  und  findet  anerkennende, motivierende  Worte  für  die  hart  arbeitenden  Seeleute  vor  Ort. Auch  die Kombüsenleute  sind  in  Abständen  dort präsent, kalte  Getränke  und  ein  angemessener  Imbiß  sind  eine  willkommene  Abwechslung......

Epilog:

Irgendwann  geistert  eine  Zeitangabe  an  Bord  umher. Quelle  unbekannt. Einer  weiss  es  aus  der  Maschine, einer  von  der  Brücke, von  der  Kombüse, Bootsmann  oder  Funker-- um  "XUhr" wird  die  Maschine  hochgefahren.Alle  erwarten  diesen  Zeitpunkt. Dann  ist  es  soweit. Das  Schiff  schüttelt  sich, das vertraute  Geräusch ist  wieder  da, wir haben  wieder  eine  Bugwelle  und  achtern  peitscht  die  Schraube  wieder  den  Ozean mit erforderlichen Umdrehungen  auf. Eine  Brise  von  Fahrtwind  und  ein sich verändernder Horizont- wir  fahren  wieder.

So  nach  und  nach, kamen  die übermüdeten und  erschöpften Männer  aus dem  Maschinenraum, vom  Sonnenlicht  geblendet, blinzelnd  und  stolz  über   ihre  geleistete  Arbeit, auf  das  Achterdeck. Die  Kombüsencrew   bringt  die beiden, vom  Kapitän  und  Chief  gespendeten  Kisten  Bier,wohltemperiert  aus  der  Proviantlast  an  Deck, die  Stewardessen  kalte  Platten  und  Knabberzeug. Wer  wachfrei  hat  setzt  sich  dazu,lässt  sich  berichten, was  da  so  ablief...... Kapitän  und  Chief  danken  für  den  Einsatz, geben  das  Bier  frei, der  Chief verspricht  aus  seinem  thüringischen  Heimatort  aus  Hausschlachtung  nächste  Reise  original  Bratwurst  für  alle  mitzubringen (und  hält  das  auch). Scherzhafte  Frotzeleien  machen  wieder  die  Runde, "Bilgenkrebse", "Flurplattenindianer"  und  "Decksaffen" -wenn  einer  den  anderen  nicht  hätte. Nächstes  mal  trifft  man  sich  an  Deck  oder  in  der  Luke  bei gemeinsamen  Problemen. Letztendlich  einigt  man  sich  dann  auf  den  Begriff "Überseetransportbegleiter" für alle, wobei  die Kombüsenbesatzung  dann  aber" verpflegungstechnische  Betreuer  für  Überseetransportbegleiter" wären, einfach   wieder  zu  lang.....
Es  wurde  noch  viel  gelacht, aber  die  Müdigkeit  der  Betroffenen  lichtete  schnell  die  Reihen.
Es  war  eine  tolle  Besatzung!



 

Fotos Maschine MS"Altmark"

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